“Ordnung ist das halbe Leben!”

Was war das für ein schrecklicher Satz!

Als Kind wurde der Spaß am spielen durch so lästige Dinge wie aufräumen unterbrochen. Dann waren Autoren des Satzes meist Spaßbremsen, dessen Leidenschaften und Lebensfreude unter einer Decke von Regeln erstickte. Und war nicht überhaupt der Satz Ausdruck einer Generation von Deutschen, welche sich nicht nur Ordnungsregeln, sondern sich ganz generell der Obrigkeit unterwarfen!

Und jetzt kommt so ein Buch daher und behauptet, dass der Hauptfaktor für ein langes Leben “Conscientiousness” ist; Gewissenhaftigkeit, Selbst-Disziplin, planvolles Handeln – also Elemente von Ordnung! Das Longevity Project beschreibt humorvoll und wissenschaftlich, was eine der wenigen Langzeitstudien über Persönlichkeit herausgefunden hat. So bekommt der Satz Ordnung ist das halbe Leben eine ganz existentielle Bedeutung: Wer sich gehen lässt lebt – vielleicht nicht halb, aber zumindest deutlich – kürzer.

Ist dies nun ein Schritt zurück zur Leugnung und Unterdrückung von Gefühlen, weil diese die “Ordnung” stören? Muss ich meine Bedürfnisse nun wieder den Regeln unterwerfen, welche die Gesellschaft als richtig und erfolgversprechend ansieht?

Die Lösung liegt in der genauen Sprache: Um wessen Ordnung geht es? Die von außen vorgegebene (damals) oder die Eigene.

Meine eigene Ordnung ist das halbe Leben!

Was kann das heißen? Es heißt, selber den Kompass zu bestimmen, nach dem man leben möchte. Eine Ordnung, welche der Orientierung hilft.  Werte identifizieren, welche einem wichtig sind. Hiernach bestimmen sich Ziele. Nach den Zielen treffen wir Entscheidungen. Die Entscheidungen bestimmen unser handeln.

Ein Gutes Buch hierzu ist: Huhn/Backerra Selbstmotivation.

Doch wie kommen wir zu den Werten? Was mir wichtig ist, kann ich nicht außerhalb von mir finden, sondern nur durch Selbst-Veranwortung herausfinden: Durch die Wahrnehmung meiner Gefühle, wie ich zu Dingen stehe, was z.B. Ungerechtigkeit oder Brutalität in mir auslöst. Durch die Pflege von dem was mir wichtig ist, Leidenschaften – sei es im Beruf oder im Privaten.

Aus der Hierarchie von Dingen, die mir wichtig sind, entsteht eine Ordnung – meine Ordnung. Dann habe ich auch eine Ordnung und lebe nicht nur lang, sondern auch glücklich.

Hiob und Willy Loman

Eine der größten Leistungen der biblischen Geschichten ist die symbolische Übersetzung von Werten. Ein abstrakter Wert wie Ehrlichkeit oder Loyalität mag unsere Zustimmung finden, eine emotionale Beteiligung und eine Verinnerlichung erfolgt erst über den Gebrauch von Geschichten oder anderen Symbolen.

In der Geschichte von Hiob erweist die Figur Hiob auf der rationalen Ebene Loyalität zur Figur Gott, obwohl ihm dieser immer mehr Prüfungen auferlegt. Auf der emotionalen Ebene – die Frage “Wie hält er das aus?” – ist es eine Geschichte des Urvertrauens. Im Angesicht von Niederlagen, Verletzungen, frustrierter persönlicher Sinnstiftung… gibt es noch Gerechtigkeit, gibt es eine höhere Ordnung, dessen Grundmechanismen intakt sind, gibt es Gott? Ist tatsächliche Ungerechtigkeit (etwa vor Gericht oder im Verhalten einer anderen Person) nur ein Störung im System, welche mittelfristig einem Ausgleich (“die bekommt noch ihr Strafe”) einer Auflösung zugeführt wird? Die Geschichte von Hiob ist ein Symbol des Urvertrauens, dass dies so sein wird. Dass die Wege des Herrn unergründlich sind, aber an dem gutem Wirken und Ende kein Zweifel besteht.

Wie kann man den Wert von Selbst-Verantwortung symbolisch übersetzen? Selbst-Wahrnehmung, Gestaltung von Bindungen zu anderen? Was wäre eine Sammlung von symbolischen Geschichten der letzten hundert Jahre?

Eine solche Sammlung könnte Arthur Millers Tod eines Handlungsreisendenenthalten. Die Geschichten vom Tod eines Handlungsreisenden ist quasi die Geschichte vom Anti-Christen, oder zumindest des gefallenen Engel, der Selbst-Verantwortung. Statt der Wahrnehmung des eigenen Selbst wird der Schein produziert andere zu beeindrucken. Statt in Beziehung zu sein, kommt nichts und niemand an ihn heran. Frau und Kinder sind nur durch Biologie und Konvention (d.h. einer äußeren Kraft und keinem emotionalen Impuls aus ihm heraus) verbunden. Sein spiritueller Weg ist die Hoffnung auf den großen Geldsegen.

Das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit braucht auch symbolische Übersetzung, um es in die Gemeinschaft zu tragen. Geschichten gibt es genug. Positive wie Billy Elliot – I Will Danceund negative wie die Geschichte von Willy Loman, dem Handlungsreisenden.

Was uns den Schritt nach vorn zu einer Haltung von Selbst-Verantwortung machen lässt, ist die Verknüpfung zwischen Wert und Geschichte herzustellen und zu nutzen. Genutzt wird dieses Wissen durch die Schaffung einer persönlichen, oder gesellschaftlichen Umwelt von Symbolen (Referenz-Canon) nach bewusster Auswahl von Werten. Wie zum Beispiel den Werten des Grundgesetzes. Dann kann auch eine Dialektik zwischen gewünschter Umwelt und Persönlichkeit entstehen.