Ich sehe Dich – unterwegs mit der “Autisten-Brille”

In der aktuellen Ausgabe von ZeitWissen wird eine spannende Erfindung beschrieben. Ausgehend davon, dass Autisten oft Probleme damit haben, Gesichtsausdrücke anderer Menschen zu deuten, wurde am MIT eine Autisten-Brille entwickelt. Das Gestell enthält eine eingebaute Kamera sowie einen integrierten Lautsprecher. Wenn man die Brille trägt und mit einer Person spricht, flüstert die Stimme einem ins Ohr, ob der Gesprächspartner gerade aufmerksam zuhört, zustimmend lächelt oder gelangweilt schaut.

Sensationell! Und zwar nicht nur für die Autisten, welche Probleme mit der Mimikerkennung haben, sondern vor allem für all die Gesprächspartner, welche keine Probleme mit dem Sehen der Mimik haben, aber aus irgendwelchen Gründen sich nicht dafür interessieren, was in dem Gesprächspartner vorgeht. Menschen, bei denen jeder Dialog zu einem Monolog wird. Menschen, welche Stille nicht ertragen können und keinerlei Empfinden dafür haben, wie der Gesprächsraum gleichberechtigt gefüllt wird.

Dabei ist die Fähigkeit zur achtsamen Kommunikation so wichtig. Die Chance einem anderen Menschen wirklich zu begegnen, schafft die Voraussetzung für Beziehung und Bindung. Ein Netz aus tiefen Bindungen wiederum verankert uns in der Welt, gibt uns die nötigen Rückmeldungen zur Selbst-Entwicklung, gibt Sicherheit und Freiheit zu sein wie man ist, gibt Halt, fängt auf und öffnet die Tür zu der Welt der Freude, welche man nicht allein erleben kann.

Statt dem etwas undiplomatischen Satz: “Du – sei mir nicht bös´, aber ich habe schon vor zwei Minuten aufgehört Dir zuzuhören.” würde die Brille Wunder wirken! Die Dauerredner würden durch den Lautsprecher in der Brille mitgeteilt bekommen: “Gegenüber langweilt sich — Gegenüber langweilt sich immer noch. — Gegenüber möchte etwas sagen — Gegenüber wird langsam sauer — Gegenüber schaut rüber zum Nachbartisch — Gegenüber ballt Faust in der Tasche — Gegenüber spielt mit dem Messer..”  Notfalls könnte man auch kurz über den Tisch greifen und etwas an der Lautstärke regeln.

In dem Buch von Francoise Lelord Im Durcheinanderland der Liebegibt es auch Übung ganz ohne Brille. Das Spiel heißt schau in mein Gesicht und rede so lange bis Du denkst, dass ich das Interesse verloren habe…

Wie heißt es bei Avatar so schön als Begrüßung: “Ich sehe Dich!” Schön wäre es dies ohne die MIT-Brille zu meinen und zu tun.