Klassenkampf von oben

Aus der Zeit-Online 13.12.2011:

“In Deutschland nimmt die Diskriminierung von Minderheiten zu. Eine Forschergruppe um den Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer beschreibt eine zunehmende Spaltung einer durch andauernde Krisen verunsicherten Gesellschaft. Entsicherung, Richtungslosigkeit und Instabilität seien zur “neuen Normalität” geworden, heißt es in der Langzeitstudie Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. (…)

Verstärkt wird das soziale Auseinanderdriften nach seinen Erkenntnissen durch das Verhalten der Besserverdienenden, die sich nicht mehr an der im Grundgesetz festgeschriebenen Maxime “Eigentum verpflichtet” orientiere. Stattdessen beobachtet er bei ihnen eine “rohe Bürgerlichkeit”, die sich “bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben der kapitalistischen Nützlichkeit, der Verwertbarkeit und Effizienz orientiert und somit die Gleichwertigkeit von Menschen sowie ihre psychische wie physische Integrität antastbar macht.”

Die Neutralität des Staates bringt es mit sich, dass wir als Gesellschaft nicht mehr Wertvorstellungen artikulieren und als eine uns umgebende und prägende Umgebung gestalten können. Die Neutralität des Staates verbietet, dass der Staat hier Richtungen vorgibt, welche das Verhalten der Besserverdienenden durch eine akzeptierte Ethik einfängt. Aus der angestrebten Neutralität wird so die normative Kraft des Marktes.

 

 

 

„Ach, da ist ja meine Gefühlswelt“

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 21.8.2011 war, ausgelöst vom Fall des Politikers B., ein Interview mit dem Therapeuten Björn Süfke abgedruckt. Hierin heißt es:

Männer haben aufgrund der Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, oft einen schlechteren Zugang zu den eigenen Gefühlen. Und das ist ein Problem: Gefühle sind wichtige Handlungsrichtlinien, sie zeigen uns, wo es lang geht. Die Scham zum Beispiel. Sie würde einem helfen, sich zu besinnen, und zu sagen: O Mann, nun halt mal den Ball flach, das Mädchen ist 16, das ist irgendwie nicht angemessen.

Männer sind deshalb eher zu unangemessenem Verhalten prädestiniert als Frauen. Das wäre nicht so, wenn der Zugang zu den Gefühlen unmittelbar und sehr gut wäre, wie es eben bei Frauen häufiger der Fall ist…

Die Fähigkeit zur Gefühlswahrnehmung ist eine der Fähigkeiten, welche auch bei der gg2-Akademie eine Schlüsselrolle einnimmt. Hat man ein Gefühl wahrgenommen weist dies auf Bedürfnisse hin. Scham kann auf das Bedürfnis hinweisen akzeptierter Teil der Gemeinschaft zu sein. Gefühls- oder auch Körperwahrnehmung ist tatsächlich Ausgangspunkt Verantwortung für seine Persönlichkeit zu übernehmen.

Der Fall veranschaulicht aber auch drei typische alltägliche Probleme:

1. Mit der reinen Gefühlswahrnehmung ist es nicht getan. Gefühle werden zwar wahrgenommen, aber von Rationalisierungen überdeckt.

Der Politiker hat – nach eigenen Worten – sein Verhalten damit rationalisiert, dass es juristisch nicht verboten ist.Das Gefühl der Scham verschwand – für eine Zeit.

Mit dem zunehmenden Verfall in sich geschlossener und allgemein akzeptierter Wertesysteme wie sie Religionen darstellen, gibt es eine Tendenz richtiges Verhalten von Gesetz abzuleiten. Das Strafrecht stellt jedoch nur ein moralisches Minimum dar. Über diesem Minimum beginnt die Entscheidungsfreiheit zu besserem oder schlechterem Handeln. Dieser kann man sich durch einen Verweis auf das Strafrecht nicht entledigen.

Vielmehr braucht es die Fähigkeit sich Werten zu verpflichten und sein Leben hiernach auszurichten. Diese sind ebenso Handlungsrichtlinien. Stimmen diese mit der Handlungsrichtlinie Scham überein, ist eine höhere Festigkeit gegenüber Rationalisierungen gegeben. Diese höheren Wert sind insofern re-ligiös als dass sie auf eine höhere Moral Bezug nehmen, wie immer die auch aussehen mag. Die Wahl des Wertesystems ist dann ebenfalls grundlegender Bestandteil der Selbst-Bestimmung und Persönlichkeitsentfaltung.

2. Der Zwiespalt

MIt der Gefühlswahrnehmung ist es auch dann nicht getan, wenn es zwei oder mehr Gefühle gibt, welche widerstreitende Handlungsrichtlinien ausgeben. So ist eine tiefe Liebe auch eine starke Handlungsrichtlinie…

Jeder Gefühlszwiespalt verlangt daher nach der Fähigkeit Entscheidungen zu treffen. Entscheide ich mich für meine Liebe und eine schwierige berufliche Zukunft mit finanziellen Einbußen oder für die Karriere und Anerkennung der Gemeinschaft?

Entscheidungsfähigkeit ist daher Teil des Curriculums der Akademie.

3. Ich oder die Welt?

Die Entscheidung dem Bedürfnis nach Integration oder eigener Verwirklichung begleitet uns ständig. Beides ist wichtig. Scham – das Spiegelbild des Sozialtriebs, welchen wir als Gemeinschaft und soziales Tier brauchen, und Leidenschaft, der Wunsch nach Verwirklichung. Ein klassisches menschliches Dilemma, wenn sie nicht vereinbar sind.

Die Fähigkeit beide Bedürfnisse zu versöhnen wird uns leider kaum vermittelt.

Bis jetzt :-).